Brüderlein und Schwesterlein – Geschichten vom Krieg

Brüderlein und Schwesterlein – Geschichten vom Krieg

Brüderlein und Schwesterlein – Geschichten vom Krieg 2560 1920 Regionalmanagement Südweststeiermark

Frau Friedl – St. Oswald o.E.

Frau Maria Freidl wurde 1928 in St. Lorenzen ob Eibiswald geboren. Neben vielen Kindheitserinnerungen ist ihr eine Geschichte voll Verzweiflung und Traurigkeit in tiefster Erinnerung geblieben. Damit verbunden ist jener Brief, der die Familie zu Weihnachten 1941 erreichte.

In jener Zeit, als ich aufgewachsen bin, waren die Höfe und Keuschen voller Kinder und ganz egal, wie viele es waren, am meisten galt immer der erste Sohn. So war es auch bei uns. Meine Mutter wurde 1893 geboren und hatte mit ihrem ersten Mann zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Leider verlor sie ihren Gatten im Ersten Weltkrieg. Sie lernte meinen Vater kennen und bekam auch von ihm zwei Kinder. Da es hier keine Arbeit gab, suchte er sein Glück in der Obersteiermark, dahin konnte ihn die Mutter mit vier Kindern nicht begleiten und so kam es weder zu einer Heirat noch zu einem gemeinsamen Glück. Unsere Heimat war der Hof des Onkels, Mutters Geburtshaus. Onkel „Radl“ (Conrad) war für uns der Vaterersatz, selbst ein seelenguter Mensch, der unsere Großfamilie zusammenhielt und dafür sorgte, dass wir alle genug zu essen hatten. Der Onkel war der Chef am Hof, mein Bruder Franz – er war 10 Jahre älter als ich – der Chef unserer kleinen Familie.

Unterhaltung schafften wir uns selber; da hatten wir mit der Musikalität von Franz wirklich Glück, denn passte der Anlass und trafen sich ein paar Nachbarn, so sorgte er mit seiner Musik für Abwechslung. Natürlich bewunderte ich meinen großen Bruder dafür und gerne lauschten wir seinen Melodien. Dann kam der Anschluss an Deutschland und alsbald begann der Zweite Weltkrieg. Für Mutter und die Älteren war das mit großen Ängsten verbunden, hatten sie doch den letzten Krieg erst zwei Jahrzehnte davor hinter sich gebracht und das mit vielen Verlusten. Jetzt fing wieder alles von vorne an. War Mutters Mann seinerzeit auf dem Schlachtfeld geblieben, so musste sie jetzt unter Tränen um ihren Sohn, meinen Bruder, fürchten. Franz war ja bereits 20 Jahre alt und der Reichsarbeitsdienst ließ nicht lange auf sich warten.

Gleich danach kam er zum Militär. Für Mutter war es schlimm: Ihr einziger Sohn, die Hoffnung darauf, dass er es einmal weiter als bis zum Knecht bringen würde, und ihre Versicherung, dass jemand auf sie schaut, wenn sie alt ist, musste in den Krieg.

Franz wurde zum Panzerfahrer ausgebildet. Immer weiter nach Osten führte ihn sein Weg. Voller Sehnsucht wartete die Mutter auf jede einzelne Nachricht von ihm. Immer, wenn ein Brief oder eine Karte ankamen, saßen wir alle in der Stube zusammen und lauschten, was die Mutter uns da vorlas und wie es unserem Bruder in der großen weiten Welt erging. Egal, wie oft sie ein Schreiben von ihm zur Hand nahm, immer endete es damit, dass sie in Tränen ausbrach. Bei jedem unserer Gebete dachten wir an ihn und baten den Herrgott um seine glückliche Heimkehr. So sehr wir Kinder – ich war ja erst 10, 11 Jahre alt – mit der Mutter mitlitten, so sehr blickten wir auch voll Bewunderung zu ihm auf. War doch unser Bruder, der uns getadelt und mit der einen oder anderen Watschen zur Arbeit angetrieben hatte, jetzt ein richtiger Held geworden, der für unsere Sicherheit da draußen seinen Mann stand.

Besonders schlimm war es an den großen Feiertagen, dass Franz nicht da war. Seine Gitarre stand einsam und verlassen da und gerne sprachen wir darüber, wie schön es jetzt doch wäre, ihn spielen und singen zu hören. Zu Weihnachten – und es waren gleich mehrere – war es für die Mutter besonders arg. Nur seine kleinen Briefe und die Gewissheit, dass es ihm gutgeht, schenkten ein wenig Trost. Umso schöner war es, wenn er ein paar Tage auf Urlaub heimkam.

Da wurde ein Fest gefeiert, aufgekocht und gesungen und getanzt. Franz erzählte von seinen Abenteuern, den schweren Kämpfen, die sie teilweise ausfochten, und von fernen Landschaften und fremden Menschen. Gern erinnere ich mich daran zurück, wie glückselig die Mutter an jenen Tagen war und wie sie beinahe verzweifelte, wenn er wieder weg musste. Besonders schlimm war es 1941: Franz kehrte am Vormittag heim, schon von Weitem sahen wir ihn den Hohlweg heraufkommen und der Onkel ließ für diesen Tag alle anstehenden Arbeiten aus, damit wir gemeinsam das Wiedersehen feiern konnten. Nach einem ordentlichen Mittagessen ruhte sich mein Bruder ein wenig aus. Voll Vorfreude warteten wir darauf, dass er endlich seine Gitarre in die Hand nimmt und für uns spielt. Es war so schön und alle waren so glücklich, bis unser Zusammensein von einem Telegrammboten gestört wurde, der von Eibiswald heraufgekommen war. Er brachte die Mitteilung, dass Franz bereits am nächsten Tag wieder einrücken und somit auf seinen Urlaub verzichten müsse.

Ein Tag und eine Nacht waren ihm vergönnt, dann ging es wieder in Richtung Osten. Mutter war am Boden zerstört und konnte sich tagelang nicht beruhigen. Die Briefe von Franz wurden ein wenig seltener und aus seinen Schreiben entnahmen wir, dass alles schlimmer und härter wurde. Dann kam der Winter und wieder ging es auf Weihnachten zu. Es war die zweite Dezemberhälfte, den Tag weiß ich nicht mehr genau, als ein Mann in Uniform durch den Schnee heraufstapfte. Mit im Gepäck hatte er die Nachricht, dass Franz in Russland für sein Vaterland gefallen war. Ein Granatsplitter kostete ihn das Leben. Nach vielen Lobes- und Dankesworten verließ der Bote uns wieder und wir waren mit unserem Verlust allein. Allesamt weinten wir in der Stube, nahmen uns gegenseitig in den Arm und versuchten vor allem die Mutter zu beruhigen. Irgendwann schliefen wir vor Erschöpfung ein, nur um am nächsten Morgen wieder Tränen zu vergießen. Es gab keinen Trost und alle schönen Worte, die wir Tage später in der Kirche zu hören bekamen, führten uns nur noch deutlicher vor Augen, was wir verloren hatten. Es waren nur noch wenige Tage bis zum Heiligen Abend und das machte alles noch schlimmer. Aus unserer Trauer wurden wir gerissen, als drei Tage später ein Brief ankam. Es war der letzte Brief, den Franz an uns geschrieben hatte. Weil die Feldpost ihre Zeit bis zur Zustellung brauchte, kam er erst drei Tage nach der Todesnachricht bei uns an. Mit zitternder Stimme las ihn die Mutter vor, teilte uns seine Weihnachtswünsche mit und brach bei den Worten „die besten Grüße aus weiter Ferne“ neuerlich in Tränen aus.

Noch heute beginnt mein Herz zu rasen und mir steigen die Tränen in die Augen, wenn ich an jenen letzten Brief und an die letzten Grüße von Franz zurückdenke.

Liebe Mutter!                                                                         Weihnachten 1941

Da es nun hier schon sehr kalt ist und alles weiß verschneit, so denken wir schon sehr an Weihnachten, ein Weihnachten, das wir diesmal wohl sehr einsam feiern werden, wie noch nie, aber wir werden im Geiste auch nie so bei euch sein wie diesmal, wenn wir in einer kleinen Russenhütte eng beisammen sitzen und frieren. Oder mit dem scharf geladenen Gewehr und aufgepflanztem Bajonette auf Wache stehen fürs deutsche Volk und auch für euch Lieben in der Heimat, so werden wir doch mit euch vorm brennenden Christbaum stehen und uns freuen. Es ist zwar schon das vierte Mal, dass ich fern von der Heimat das schönste Fest der Deutschen erlebe, doch noch nie war ich so weit weg, nie so auf mich gestellt, aber auch nie so darauf vorbereitet, und obwohl es uns zurzeit friert und wir den Russen mitsamt seinem unendlichen Land zum Teufel wünschen, so werden wir doch nicht sagen, es war schön.

Und so denken wir jetzt schon an das kommende Fest, und ich weiß auch, dass wenn ihr unterm Christbaum steht, ihr an mich denkt, und so treffen wir uns dann wenigstens in Gedanken. So Gott es will, stehen wir dann am nächsten Weihnachtsfest zusammen unter dem Baum. Das schönste Weihnachtsgeschenk wäre freilich für uns alle, wenn wir Russland verlassen könnten. Aber einmal wird auch das kommen und dann gibt es wohl auch ein Wiedersehen.

Wünsche nun dir und euch allen ein frohes Weihnachtsfest und sende die besten Grüße aus weiter Ferne. Franz Prattes

„Geschichten vom Krieg“ wurden von Karl Oswald in der Region Südweststeiermark gesammelt und sind Teil des Schwerpunkts „Die Südweststeiermark im NS-Regime“ im Zuge des Projekts ArchaeoHist+.