Geschichten von der 118. Jägerdivision – Geschichten vom Krieg

Geschichten von der 118. Jägerdivision – Geschichten vom Krieg

Geschichten von der 118. Jägerdivision – Geschichten vom Krieg 2560 1519 Regionalmanagement Südweststeiermark

Herr Schaffler – Leibnitz

Karl Schaffler (1903-1986) war seinerzeit Berufssoldat beim Österreichischen Bundesheer. Mit dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich 1938 wurde er in die Wehrmacht übernommen und als der Zweite Weltkrieg begann, war er an den Fronten in Frankreich und Jugoslawien. Später geriet er in britische Gefangenschaft und kam erst nach Kriegsende wieder heim.

Viele große und kleine Geschichten wurden von Karl Schaffler zusammengetragen und aufgezeichnet, einige kleine Anekdoten aus seiner Sammlung erzählte ihm sein Kamerad Erich Goldarbeiter, anderes erlebten Arnold Ronacher und Hans Omann.

Während eines Marsches…

Die Batterie befindet sich schon seit Stunden auf dem Marsch, staubig sind die Pferde und ebenso die Gesichter der Soldaten. Eintönig trotten die Männer hinter ihren Tragtieren her, nur hier und da hört man aus der Masse Kommandoworte oder Rufe. An der Spitze der Batterie marschiert Leutnant Novatschek mit dem Batterie- und Nachrichtentrupp, einer Gruppe alter Hasen, die den Balkan zur Genüge kennengelernt haben. Neben Novatschek trottet sein Bursche aus Oberschlesien dahin. Er ist ein echter „Pironje“, also ein ordentliches Schlitzohr, der mit allen Salben geschmiert ist. Jeder ist froh, als zur Abwechslung der Marsch durch ein kroatisches Dorf führt. Niedrige weißgetünchte Häuser rechts und links der Straße.

Eine Unmasse von Hühnervolk, Gänsen und Enten bevölkert die Straße. Sie fliegen laut gackernd und schnatternd in die Höhe, wenn sie zu nahe an die Marschierenden kommen. Meint da unter anderen Leutnant Novatschek zu seinem braven Burschen, nachdem er einen begehrlichen Blick auf das Federvieh warf: „Hmmm, das wäre was für ein Nachtmahl“. Der Bursche aber lächelt vielsagend, derweil er neben ihm dahintrottet. Jeder von uns Kameraden hätte schwören können, dass er den Platz neben seinem Offizier nie verlassen hat und trotzdem sagt er: „Aber Herr Laitnant – hob ich jo schon Kokosch!“ und schlägt dabei seinen Mantel auf. Tatsächlich, er hatte eine Henne darinnen stecken. Wann und wie er aber das Vieh gefangen hatte, blieb bis heute ein Rätsel.

Dramatische Momente

Die erste Batterie hatte bei Anbruch der Dämmerung ihre Zelte abgebrochen und eine lange Schlange von Tragtieren bewegte sich jetzt auf einem schmalen Felsenpfad zu Tal. Über die bosnischen Berge senkte sich langsam der Abend. Kamerad Hacksteiner, seines Zeichens wohlbestallter Obergefreiter der Nachrichtenstaffel, stolperte hinter seinem Muli den Steilpfad hinab. Plötzlich lässt er das Rückfallseil los und rast zurück. Ihm ist eingefallen, dass er seinen weggelegten Brotbeutel auf der Lagerstelle vergessen hat. Ein paar Kameraden kicherten schadenfroh hinter ihm her, derweilen er selbst den Berg hinaufeilt. Mittlerweile ist es finster geworden. Auf der Lagerstelle angekommen erspäht er – welch ein Glück – nahe am Busch den vergessenen Gegenstand. Rasch bückt er sich und im selben Augenblick stürzt sich eine dunkle Gestalt auf seinen Rücken. Ein mörderisches Ringen entstand, kein Zweifel, er ist von einem Partisanen, welcher das aufgegebene Lager durchsucht hat, überfallen worden.

Hier geht es um Leben und Tod. Ringsum Ruhe, nur das Keuchen der Ringenden ist zu hören. Jetzt endlich gelingt es dem braven Soldaten, einem kernigen Bauernburschen, den Gegner unter sich zu bringen. Triumphierend entringt sich ihm der Ruf: „Du Hund, du G’selchter, du damischer Gartenzwerg, jetzt hob’ i di ober, jetzt kimmst du mir nimmer aus!“ Da erlahmten die Kräfte des Unterlegenen und auch er meldet sich zu Wort und das überraschender Weise in schönstem steirischem Dialekt: „Oh, du Depp, du verfluachter, jetzt host mir bald umbrocht!“ Da geht ein bereits Grinsen über das Gesicht des vermeintlich Stärkeren und auch er lässt seinen harten Griff locker. Ist es nicht einer derselben Batterie, der gleich ihm etwas vergessen hat und in der Dunkelheit den anderen ebenfalls für einen Partisanen hielt, auf den er sich sofort stürzte, um so seinen Mut und seine Tapferkeit unter Beweis zu stellen? Lachend schütteln sich die beiden Landser die Hände und eilen zusammen der bereits weit vorausziehenden Batterie nach. Wahrhaft ein dramatisches Erlebnis für beide.

Organisieren verboten

Eine kurze Anekdote aus der Sammlung von Karl Schaffler erzählt Arnold Ronacher.

Man schreibt das Jahr 1943. Deutsche Truppen lagen in schwerem Abwehrkampf auf der Halbinsel Peljesac. Die Verpflegung war mangels geeigneter Nachschuborgane knapp geworden. Die wenigen Hammel auf der Halbinsel mussten daher rationiert werden. Der Kampfgruppenführer, ein Oberstleutnant, überzeugte sich dabei oftmals selbst von der Befolgung seiner strengen Befehle. So kam er einmal zur Trossstellung einer Artillerieabteilung, die schon lange im Verdacht des „Organisierens“ stand. Und richtig, an einer wind- und sichtgeschützten Stelle loderte unter einem großen Kessel ein Feuer dahin. Aha! Jetzt aber zupacken! Blitzschnell ist der energische Mann beim brodelnden Kessel. „Hab ich euch erwischt, ihr raffinierten Hammelschlächter“, brüllte er den Ersten an. Mit einem Ruck reißt er den Deckel hoch. Doch statt dem wohligen Duft von Hammelfleisch steigt ihm der beißende Geruch von kochender Textilware, gemischt mit Schweiß und Dreck, in die Nase. Verschmitzt zieht ein Landser den vermeintlichen Hammel in die Höhe, es waren die langen Unterhosen der Männer.

Das Kommando hat der Obergefreite!

Diese Geschichte aus der Sammlung von Karl Schaffler wurde von Hans Omann erzählt. Sie berichtet davon, wie ein kleiner Obergefreiter die Offiziere zum Fußdienst kommandierte.

Wir lagen mit unserer Funkmeisterei der 2. Kompanie nun schon seit Monaten in Ljubuski. Meine Aufgabe als Nachrichtenmechaniker bestand vorwiegend in der Instandhaltung der Nachrichtengeräte sowie dem Ausrüsten von Funktrupps. Am Morgen jenes Tages (welcher später in die Geschichte der Kompanie einging) hatte ich wieder einmal die Nase gestrichen voll. Grund hierfür gab mir der Spieß, welcher mir gefälligerweise eine Wache außer der Reihe verpasst hatte. Ich hatte mich nach der Ablöse bereits wohlig unter die Decke verkrümelt, um den versäumten Schlaf nachzuholen, als der Ruf ertönte: „Antreten zum Gefechtsdienst!“ Mein Ohr hörte wohl diesen Ruf, aber ich maß ihm keine Bedeutung bei. Doch bald wurde ich eines Besseren belehrt; auch wir von der Wache wurden zum Mitmachen eingeladen. Unser guter Kompaniechef hatte sich da etwas Feines für uns ausgedacht. Anscheinend war bei ihm die sogenannte preußische Ader geplatzt und bei solchen Gelegenheiten ging es bei uns rund.

Ausgerechnet an diesem Abend sollte ein großer Kameradschaftsabend im Freien stattfinden, zu welchem auch die Offiziere eingeladen waren. Ich hatte mit noch einigen Kameraden die einzelnen Darbietungen vorbereitet und sollte – welch ein Hohn – für den Humor des Abends sorgen. Während ich nun bei dem angeordneten Gefechtsdienst flach auf der Schnauze lag (man nannte dies Fliegerdeckung) und meine Nase den Boden pflügte, reifte in mir ein Plan, der auch nicht „ohne“ war. Nach der Gefechtsübung meldete ich mich auf der Schreibstube ins Krankenrevier ab. Der Kompanieführer, welcher zufällig anwesend war, fragte mich voll Mitgefühl: „Mensch, Omann, alter Sack, was ist mir dir los?“ Die Bezeichnung „alter Sack“ war von ihm eine ausgesprochen väterliche Geste. Meine Antwort lautete: „Herr Oberleutnant, melde mich mit Fieber zum Arzt!“ Darauf er: „Mensch, dass kannste doch nicht machen, mit dir steht und fällt ja der heutige Kameradschaftsabend!“ „Bedaure, Herr Oberleutnant“, antwortete ich, „ich fühle mich nicht in der Lage, heut Abend mitzumachen“. Jetzt wurde der Oberleutnant nachdenklich und meinte: „Ja, was sollen wir da machen? Sag einmal … hm … hast du keinen besonderen Wunsch, den ich dir erfüllen könnte und der deiner Genesung zuträglich wäre?“ Ja, eine solche Rede war Musik in meinen Ohren, nun war es so weit und ich konnte mit meinem Wunsch herausrücken. „Jawohl, Herr Oberleutnant, ich war schon lange nicht mehr auf Urlaub!“ brüllte ich, muss aber hernach ein wahres Engelsgesicht gemacht haben, denn es kam (sichtlich gerührt von meinem Antlitz) die richtige Antwort: „Na, das lässt sich machen. Strobl, stellen Sie dem Malefitz-Obergefreiten Omann einen Urlaubsschein aus! Aber … am Abend sehen wir uns in alter Frische!“ „Werde mein Möglichstes tun, Herr Oberleutnant“, ich konnte aber dabei ein leichtes Schmunzeln nicht unterdrücken. Denn in meinem Inneren frohlockte es und mein Blick wandte sich zu dem urlaubsscheinschreibenden Spieß. Der Chef bemerkte dies und sprach: „Er ist ein Hallodri, der Omann, aber ich bin neugierig, wie er den Abend schaukeln wird“. Hernach gab er mir wohlwollend die Hand und ich war verabschiedet.

Der Kameradschaftsabend stieg, es herrschte eine Bombenstimmung; unter den anwesenden Offizieren befanden sich auch einige Herren vom Stab. Alles war froher Laune, der Abend war herrlich, eine jener lauen Nächte, die wir gerne im Freien verbrachten. Aber der Höhepunkt sollte noch kommen. Ich trat vor meine Kameraden hin und fragte: „Habt ihr was dagegen, wenn unsere Offiziere einmal ein Lied auf unser Kommando anstimmen?“ Tosender Beifall scholl mir entgegen und ein langgezogenes „Nein“ übertönte alles. Ich übernahm das Kommando. „Offiziere der 2. Nachrichtenkompanie – ein Lied!“ Es wurde angestimmt und mit lauten …3 – 4 schallte es über den Festplatz. Übermütig geworden fragte ich wieder meinerseits die Kameraden: „Kameraden, hört ihr etwas?“ „Nichts hören wir“ schrien sie mir entgegen. Ich kommandierte weiter: „Lauter singen, meine Herren, wir hören nichts!“ Sie gaben ihr Bestes und sangen, dass ihnen die Halsadern anschwollen. Dann aber schrie ich: „Lied aus“ und zu den Kameraden gewandt: „Was machen wir mit den müden Sängern?“ „Gefechtsdienst“ brüllte man mir entgegen und ich kommandierte weiter: „Der ganze Haufen – Sprung auf – marsch, marsch. Kehrt – marsch, marsch!“ Herrlich, wie sie dahinflitzten, es war eine richtige Freude dabei zuzusehen. Und was mich wohl am meisten wunderte, die Offiziere machten mit, ja sie machten mit und waren keine Spaßverderber. Das gab mir mehr Mut und ich kommandierte weiter: „Hinlegen – ich möchte nur die Absätze sehen!“ Alles klappte, ja es ging sogar besser als bei uns heute morgen beim Gefechtsdienst, denn unser Major hatte auch die Offiziere des Stabes aufgefordert mitzumachen. Die Kameraden brüllten vor Lachen, so etwas hat es noch nie gegeben. Ich sehe meinen Kompanieführer durch die Luft schnellen, beim „Auf – marsch, marsch“ erhob er sich nicht mehr. Er hatte sich den Knöchel verletzt und musste vom Sani betreut werden, was mir wirklich leid tat.

Als ich mich am nächsten Morgen zum Heimaturlaub abmeldete, humpelte er noch und kam mir auf einen Stock gestützt entgegen. Warnend hob er den Zeigefinger mit den Worten: „Omann, du alter Sack, hast mich ganz schön reingelegt. Ich wünsch dir aber trotzdem einen guten Urlaub“.

„Geschichten vom Krieg“ wurden von Karl Oswald in der Region Südweststeiermark gesammelt und sind Teil des Schwerpunkts „Die Südweststeiermark im NS-Regime“ im Zuge des Projekts ArchaeoHist+.