Herr Wrolli – Großklein
Wohl kaum an einem anderen Tag des Jahres ist der Wunsch, ihn im Kreise der Familie zu feiern, größer als am Heiligen Abend. Josef Wrolli, geboren 1921, verbrachte drei Weihnachten in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Wie es dazu kam und wie er diese Feste erlebte, weiß er hier zu berichten.
Für mich stand von klein auf fest, dass ich in die Fußstapfen meines Vaters trete und Fleischhacker werde. Bereits als Kind musste ich fleißig mithelfen und nach meiner Schulzeit erlernte ich den Beruf in Graz. Dort war ich auch zu Kriegsbeginn und es dauerte nicht lange, bis ich meine Einberufung erhielt. Ich kam nach Deutschland, wurde dort zum Kraftfahrer ausgebildet und der Luftwaffe zugeteilt. Es dauerte nicht lange, da wurde ich auf Grund meines Lehrberufes in die Küche versetzt. Wer eine Wurst herstellen und Fleisch zurechtmachen kann, kann auch kochen und versteht sich aufs Würzen – so lautete die vorgefasste Meinung meines Vorgesetzten und damit hatte er nicht ganz Unrecht. So kam ich in die Küche. Eigentlich waren meine Qualifikationen wirklich gut, denn der bisherige Koch hatte Maurer gelernt. Aus meinem Reich versorgte ich gut 200 Leute und es machte mir Spaß, für die Kameraden Gutes zu kochen. Nach mehrmaligen Versetzungen innerhalb Deutschlands wurden wir auf Tropentauglichkeit untersucht und schließlich zum Afrikakorps versetzt.
Die Reise dorthin gestaltete sich schwierig; alles wurde auf Eisenbahnwaggons verladen – so auch meine Feldküche, die wie ein alter Planwagen aussah. Wir fuhren über den Semmering mit Zielbahnhof Piräus, um dort eingeschifft zu werden. Als wir durch Graz und weiter Richtung Süden fuhren, kam schon leichtes Heimweh in mir auf und ich fragte mich, wann ich wohl die Südsteiermark wiedersehen werde. Es sollte bereits Tage später sein, denn auf Grund massiver Bombardierungen wurde unsere Route geändert. Wir wurden zurück nach Graz gebracht und von dort weiter nach Italien. Auf dieser Reise verlor ich beinahe ohne kriegerische Auseinandersetzung mein Leben. Meine Feldküche befand sich ja auf einem Waggon; oben an der Plane ragte ein Blechrohr als Rauchfang hinaus. Ich stand gerade auf der Plattform hinter dem Fahrzeug, als sich die Oberleitung vor einem Tunnel leicht absenkte und das Ofenrohr diese berührte. Es gab einen Knall, Funken sprühten von überall her und ich bekam einen Stromschlag. Für Sekunden verlor ich das Bewusstsein und als ich langsam wieder zu mir kam, nahm ich zuerst die Schmerzen wahr und erst dann meine Situation. Der Schlag hatte mich von der Ladefläche direkt zwischen die Puffer und Leitungen der Waggons befördert und dort hing ich jetzt nur wenige Zentimeter vom Boden entfernt, während der Zug mit unverminderter Geschwindigkeit dahinrollte. Mein Kamerad stand wie versteinert oben und konnte sich vor lauter Schreck nicht bewegen. Mühsam kletterte ich wieder zurück auf die Plattform, kroch unter unser Fahrzeug und blieb dort liegen, bis wir das nächste Mal anhielten und die Sanitäter mich versorgten.
In Afrika angekommen, gerieten wir in viele schwere Gefechte, bis wir uns schlussendlich in englische Kriegsgefangenschaft begaben. Die Hitze und der Sand machten uns zu schaffen. Mehrere Tausend Soldaten befanden sich im Lager; untergebracht waren wir in Zwei-Mann-Zelten. Noch heute bewundere ich die Ritterlichkeit der Engländer und danke ihnen dafür, dass sie mir das Leben gerettet haben. Ich erkrankte an der Ruhr und nur ihre Hilfe im Lazarett sorgte dafür, dass ich überlebt habe. Später wurden wir der amerikanischen Armee übergeben und in die USA verschifft. Drei Wochen dauerte die Überfahrt und das in ständiger Angst, von deutschen U-Booten torpediert zu werden. Es war das Jahr 1943; bis 1946 sollte ich in amerikanischer Gefangenschaft belieben.
Das erste Jahr war das schlimmste – nicht dass man uns schlecht behandelte oder es an irgendetwas fehlte, es war einfach dieses „Nichtstun“, das uns beinahe zur Verzweiflung trieb. Wir bettelten förmlich um Arbeit, damit wir etwas zu tun hatten, und nach langem Warten bekamen wir sie auch. Dafür gab es bereits Geld: 80 Cent wurden bezahlt. Ein Bier kostete 10 Cent, eine Flasche Cola 5 Cent und auch Seife konnten wir uns so leisten. Ich selbst war im Straßenbau, in der Wäscherei, für Holzschlägerungsarbeiten und natürlich für die Küche eingeteilt. Ich gab mir dort besondere Mühe und versuchte meine Kameraden zu verwöhnen. Wir bekamen von allem genug, aber tiefgefroren. Bereits um drei Uhr früh stand ich auf, um „Omeletten“ (Palatschinken) zu machen, damit alle etwas Ordentliches auf den Teller bekamen. Selbst unsere Wachleute haben gerne bei mir gegessen, denn es gibt wohl nichts Besseres als einen ordentlichen steirischen Schweinsbraten.
Drei Mal erlebte ich Weihnachten in Gefangenschaft. Wir hatten Bäcker ebenso bei uns im Lager wie Musiker und Sänger. Ein Weihnachtsbaum wurde aufgestellt und neben Schnitzel und Torte durften wir mit Liedern und Musikstücken feiern. Wir waren in unserer Abgeschiedenheit eine zusammengeschweißte Gemeinschaft und gerade an diesem Tag, wenn die Gedanken bei den Menschen daheim waren, stärkten wir uns gegenseitig. Allerdings nur am Christtag; alle anderen Tage, ebenso wie Silvester, wurde ganz normal gearbeitet. Wo man uns auch noch ein wenig Feizeit gönnte, war dieser „amerikanische Gansl-Tog“, an dem alle Truthahn essen. Für dieses Fest (Thanksgiving) bekamen auch wir einen Tag frei. Auch diese Zeit ging vorüber, der Krieg war zu Ende, 1946 kam ich wieder in Freiheit und wurde nach Hause geschickt. Die Wiedersehensfreude war groß, niemand rechnete mehr damit, dass ich überhaupt noch heimkehren werde, hatte meine Familie doch schon seit meinem Afrikaeinsatz nichts mehr von mir gehört.
Das Weihnachtsfest 1946 war ein ganz besonderes: endlich wieder daheim und es herrschte Frieden. Zwar waren die Zeiten nicht einfach und das sollte auch noch einige Jahre so bleiben, aber die Menschen waren zuversichtlich und voll guter Hoffnung – also genau das, was Weihnachten eigentlich ausmachen soll.
„Geschichten vom Krieg“ wurden von Karl Oswald in der Region Südweststeiermark gesammelt und sind Teil des Schwerpunkts „Die Südweststeiermark im NS-Regime“ im Zuge des Projekts ArchaeoHist+.