Herr Ulbing – St. Johann i.S.
Wir leben in einer Weckwerfgesellschaft. Kaum noch jemandem ist bewusst, wie wertvoll unsere Lebensmittel und insbesondere unser Brot eigentlich ist. Wir sprachen mit Herr Heinrich Ulbing, geb. 1925, aus Narrath, der sehr wohl den Wert des Brotes nie vergessen hat.
„Wenn du ausgehungert bist, dir der Magen nur mehr schmerzt und es vor den Augen bereits zu flimmern beginnt, dann lernst du wie wertvoll ein Stück Brot ist, das dir in diesem Moment das Leben retten kann“. Leider Gottes musste ich den Krieg mit all seinen schrecken miterleben doch mein eigentliches Martyrium begann, als er schon vorbei war. Wir wollten nur mehr nach Hause und alle unsere Unternehmungen, egal ob zu Pferd oder zu Fuß, hatten nur einen Zweck nämlich so weit wie möglich nach Westen und somit zurück in die Heimat zu kommen. Im Mai 1945 wurde ich südlich von Prag von tschechischen Partisanen festgenommen und kam in russische Kriegsgefangenschaft. Bereits vorher litten wir von einem Tag auf den Nächsten an Hunger, aber dann ging es erst richtig los. Der Krieg war bereits vorüber, die deutsche Wehrmacht hatte kapituliert und aus allen Teilen Osteuropas wurden Kriegsgefangene zusammengetrieben. Ich erinnere mich noch das wir auf einer Wiese schlafen mussten, wo an die 25.000 Gefangene lagerten. Am nächsten Tag ging es ab Richtung Osten. In Gruppen zu 100 Mann wurden wir dahingetrieben und so weit das Auge reichte waren nur Gefangene zu sehen. Verpflegt wurden wir damals gar nicht, ein jeder lebte von dem, was er noch in seinem Rucksack hatte und wenn da nichts war, dann hatte man Pech gehabt. Einzig und allein mit Wasser durften wir uns versorgen und so füllten wir bei jeder Gelegenheit, die sich bot, unsere Feldflaschen auf, damit wir zumindest genug Flüssigkeit hatten.
Als wir so dahin marschierten drang durch das Gewirr der vielen Stimmen plötzlich ein bekannter Laut an mein Ohr und als ich mich umsah, eindeckte ich den „Deker Franzl“, meinen Nachbarn von zu Hause, in unserer Gruppe. Jetzt waren wir zu zweit und das gab neuen Auftrieb. Ich hatte noch ein Stück Brot als Wegzehrung und der Franzl hatte von daheim noch ein Glas mit eingelegtem Rindfleisch. Obwohl wir uns mehr als spärlich ernährten reichte unsere Verpflegung nicht sehr lange. Tag für Tag die langen Märsche und nachts auf irgendeiner Wiese zu liegen, zehrt an der Substanz. Ein paar Tag später marschierten wir an einem alten zerlumpten Bauernhof vorbei. Ich sehe es heute noch vor mir, das Dach war mit Stroh gedeckt und durch den Eingang sah man einen Brunnen im Hof. Ich ging, um unsere Wasserflaschen zu füllen und als ich dies tat sprang die Tür auf und ein Russe stand mir Auge in Auge gegenüber. Ich bekam beinahe einen Herzinfarkt doch da er sich nicht rührte deutete ich ihm mit meinen Händen, ob er nichts zu essen hätte. Er verschwand in der Tür und ich wollte schon zu meiner Gruppe zurücklaufen, als er mit mehreren Laib Brot wieder zurückkam. Sofort schnappte ich mir einen und in dem Moment stürzten sich auch die anderen auf diesen kostbaren Schatz. Ich rannte zurück und verkündete Franzl voll Freude, dass wir wieder für einige Zeit gerettet waren. Mehrer Tag marschierte wir ostwärts, bis wir in einem Lager ankamen.
Nach vielen Untersuchungen und mehreren Lagerwechsel landeten wir in Auschwitz und von dort wurden wir mit der Eisenbahn direkt hinter den Ural, nach Sibirien gebracht. Es war der 2. Juli 1945.
Wir kamen in ein halbfertiges Lager und sofort wurden einige Gefangene aussortiert und zum Mähdienst eingeteilt. Mit Lastwagen wurden wir querfeldein ca. 60 km weit transportiert und hatten dort rund 60 ha. Wiesen zu mähen. Zuerst mussten wir Zelte aufstellen, geschlafen wurde Anfangs auf dem nackten Boden und dann ging es an die Maht. Das Werkzeug war furchtbar. Die Sensen, die man uns gab, waren alt, verbogen und schwach. Anstatt eines Wetzsteins bekamen wir verrostete Feilen, Rechen und Gabel gab es überhaupt nicht. Wir hatten einen Kessel, in dem wir Suppe kochen konnten, in die wir alles warfen, was wir an genießbaren Kräutern und Früchten fanden. Brot bekamen wir aus dem Lager und hin und wieder schafften wir es irgendwo ein paar Kartoffeln zu stehlen. Fleisch gab es überhaupt keines. Das Mähen ging ja noch, aber wie sollten wir ohne Werkzeug das Heu zusammenarbeiten. Wir waren umgeben von Birkenwälder und so fingen wir an uns aus Ästen Gabeln zu bauen damit wir irgendwie arbeiten konnte. Ende September war dieses Abenteuer vorbei. Wir kamen zurück in das Lager und wurden im Kohleabbau eingesetzt.
Zuerst arbeiteten wir über Tags und später kamen wir in die Stollen. Das war uns sehr recht den im Stollen hatte es konstante 8 Grad währen draußen 40 Minusgrade herrschten. Zum Essen gab es 3 Liter Suppe pro Tag, die eigentlich nur warmes Wasser war in das sich hin und wieder eine Kartoffel oder ein paar Fetzen Kraut verirrten, und 500 Gramm Brot. Dafür mussten wir aber mit Krampen und Schaufel tonnenweise Kohle aus dem Berg heraus fördern.
Zwei Jahre musste ich dieses Martyrium erleben und erst im November 1947 ging es dann endlich Richtung Heimat. Ausgezehrt und ausgemergelt machte ich mich auf den Weg. Die Bahnfahrt dauerte vier Wochen und bereits auf der Reise erhielten wir wieder besseres Essen. Die Wege von Franzl und mir trennten sich in Sibirien, aber auch er kam wieder heil nach Hause. Ich wünsche niemandem, dass er diese Entbehrungen jemals miterleben muss, aber die Menschen sollten gewisse Dinge nicht vergessen und etwas sorgsamer mit ihren Lebensmitteln umgehen. Mir tut es weh, wenn ich sehe, wie verschwenderisch man heute mit Brot umgeht gerade weil ich am eigenen Leib erlebt habe, wie wertvoll und lebensrettend das kleinste Stück davon sein kann.
„Geschichten vom Krieg“ wurden von Karl Oswald in der Region Südweststeiermark gesammelt und sind Teil des Schwerpunkts „Die Südweststeiermark im NS-Regime“ im Zuge des Projekts ArchaeoHist+.