Herr Unger – Heimschuh
Viele unserer Geschichten sind Erlebnisse, die uns Zeitzeugen erzählen. Manche Erzählung entspringt aber auch den Erinnerungen an liebe Menschen und sie werden über mehrere Generationen hinweg weitergegeben. So auch in diesem Fall, als mir Andreas Unger eine Geschichte über seinen Vater Matthias Unger (1930-2016) schenkte.
Ich wurde in Neurath bei Kitzeck geboren und von klein auf interessierten mich die Geschichten der älteren Generation. Eine davon passt gut zu einem aktuellen Anlass. 80 Jahre ist es nun her, dass der Zweite Weltkrieg vorüber war, und genau dazu habe ich eine Erzählung, die mir heute noch die Haare zu Berge stehen lässt. Sie handelt von den Strapazen des Lebens in den 40er-Jahren und davon, wie hart die Menschen damals sein mussten, um durchzukommen. Sie erzählt aber auch von unglaublichem Mut und der Bereitschaft, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Mein Vater Matthias Unger erlebte in jungen Jahren eine besondere Geschichte von der ich hier erzählen will. Er kam 1930 zur Welt. Seine Eltern, meine Großeltern, waren Weinzerln in Kitzeck und dementsprechend schwer war ihr Arbeitsalltag, um einigermaßen über die Runden zu kommen und die Familie satt zu kriegen. Schulbildung war in jenen Jahren natürlich Pflicht, aber im Alltag zweitrangig. Was zählte, war die Arbeitskraft und das von Kindesbeinen an. Bald zeichnete sich jener aufbrausende Sturm ab, der im Zweiten Weltkrieg seinen Höhepunkt erreichte. Immer mehr junge Männer, auch aus der Familie meines Vaters, wurden für das Vaterland an die Front geschickt. Wie man daheim über die Runden kam, interessierte niemanden. Was die Menschen auf dem Tisch hatten, wie sie mit den Höfen zurande kamen und wie ein Fortkommen aussah, das alles spielte keine Rolle. Die Heuernte stand an, es war 1943 und der Vater gerade einmal 13 Jahre alt. Das Gras wurde mit der Sense gemäht, gewendet und auf Harpfen gehängt. War es trocken, wurde es mit dem Fuhrwerk nach Hause gebracht und eingeschnitten. Dafür kam der „Jakob“ zum Einsatz, eine Futterschneidemaschine, bei der es eine Kurbel gab und Tretpedale wie bei einer Nähmaschine, um genug Kraft aufzubringen, sodass die Messer der Maschine das Heu zerkleinerten. Es war eine schweißtreibende Arbeit, den Jakob zu bedienen, und auch bei der Heuzuführung musste man aufpassen, denn zu große Büschel sorgten für Stopfer und die unterbrachen den Arbeitsfluss. Das Bestücken der Maschine war an diesem Tag Vaters Aufgabe. Er war ein schmächtiges Bürscherl, das für die Kurbel am Schwungrad zu schwach und für das Treten der Pedale zu leicht war. Büschel für Büschel stopfte er in das Gerät und drückte nach, wenn der Einzug der Walzen ins Leere griff. Und da passierte es. Beim Nachdrücken stieß seine Hand durch das Heu, wurde von den Walzen gepackt und das Schneidemesser schlug zu.
Meine Großmutter, die den Jakob antrieb, sprang zu ihm. Schockstarre – keine Tränen! Das Ergebnis: Beinahe zwei Finger fehlten, am Unterarm klaffte ein Loch und ein Stück Knochen war herausgeschlagen. Was tun? Männer waren keine da, das Heu musste fertig eingebracht werden und weil Vater mit 13 ja schon fast erwachsen war, band sie ihm die Wunde mit einem Kopftuch zu. Sie zeigte in Richtung Demmerkogel und sagte: „In der Richtung is Deutschlandsberg, duat gibt’s a Spitol und duat gehst hin. Geh immer grodaus“. Widerspruch gab es keinen und eine andere Hilfe auch nicht, so marschierte der Vater einfach in die angegebene Richtung. Der Bub kämpfte gegen den Schwindel und verbiss sich die Schmerzen. Langsam, er marschierte gerade vom Demmerkogel talwärts, färbte sich sein provisorischer Verband blutrot. Ein Militärjeep mit zwei Soldaten darin kam ihm entgegen. Sie hielten an, betrachteten das Malheur und nachdem der Vater berichtet hatte, was passiert war, packten sie ihn ein und brachten ihn ins Spital. Sehr viel Zeit sollte vergehen, bis der Vater wieder heim konnte – beinahe ein Jahr. Nur dem Können eines Arztes hatte er es zu verdanken, dass seine Hand wieder einigermaßen hergestellt wurde. Endlich wieder in Kitzeck, klopfte das Schicksal erneut an die Tür. Mit seiner Verletzung war er für den Kampfeinsatz nicht zu gebrauchen, aber für den Stellungsbau sollte es allemal reichen. So musste er 1944 nach Pettau, um mit Krampen und Schaufel seinen Beitrag für das Vaterland zu leisten. Natürlich ging das nicht gut und es war reines Glück, dass er zufällig hörte, wie sich zwei Soldaten darüber unterhielten, dass der Unger morgen erschossen wird, weil er mehr frisst, als er leistet.
Man stelle sich vor, was da einem 14-Jährigen durch den Kopf geht! Schlimmer konnte es nicht mehr werden, dachte sich der Vater und beschloss, nicht einfach auf sein Schicksal zu warten. In der Nacht schlich er sich aus der Baracke und suchte im Schutz der Dunkelheit seinen Weg zurück. Der Drau entlang „immer grodaus“ lief er um sein Leben und suchte bei Anbruch des Tages Schutz in den dichten Auwäldern. Schlafen, Ausruhen, aufschrecken und wieder verstecken. Ein paar Beeren pflücken, einen Pilz roh hinunterwürgen – Hunger leiden. Kurz aus der Deckung springen, weil ein Obstbaum auf einer Wiese mit seinen Früchten lockte, dann wieder in Deckung gehen und warten auf die Nacht.
So gelangte er nach Tagen in die Gegend von Marburg und von da aus zurück ins Sausal. Nach Hause konnte er nicht, als Deserteur wäre er sofort erschossen worden und wahrscheinlich auch der Rest der Familie. So suchte er Schutz in den steilen Bergwäldern am Demmerkogel und rund um Kitzeck. Hier kannte er sich aus, unzählige Male musste er bei Holzarbeiten helfen oder Bruchholz für die Mutter sammeln. Er schaffte es, eine Nachricht an die Mutter zu schicken, und die wiederum sorgte dafür, dass er alle paar Tage mit Essen versorgt wurde. Nie blieb er zu lange an einem Ort, oft nutzte er kleine Höhlen zum Übernachten, dann baute er sich wieder einen Unterschlupf. Immer war er darauf bedacht, ja nicht gesehen zu werden. Im Winter wurde es besonders hart. Beinahe ein Jahr verbrachte der Vater im Wald und erst, als im Mai 1945 der Krieg zu Ende war, traute er sich wieder heim. Unvorstellbar, was er bis zu seinem 15. Lebensjahr bereits alles erlebt hatte und durchmachen musste. Diese meine Geschichte soll nicht nur die Erinnerung an das Kriegsende wachhalten. Sie soll uns auch einen Spiegel vorhalten, damit wir wieder mehr zu schätzen lernen, wie wertvoll unser Gesundheitssystem ist, wie gut es uns geht, weil sich keiner Sorgen um einen vollgedeckten Tisch machen muss, und wie kostbar vor allem der Friede ist, den wir von unserer vorangegangenen Generation vererbt bekamen.
„Geschichten vom Krieg“ wurden von Karl Oswald in der Region Südweststeiermark gesammelt und sind Teil des Schwerpunkts „Die Südweststeiermark im NS-Regime“ im Zuge des Projekts ArchaeoHist+.