Herr Brauchart – Eibiswald
Wenn jemand auf den 100er zugeht, so hat sich wohl einiges an Erlebtem angesammelt. So auch bei Franz Brauchart, geboren 1926, der mich in Eibiswald an seinem reichen Erfahrungsschatz teilhaben ließ.
Geboren wurde ich am Aichberg auf dem Hof vulgo Aichberger. Prächtig thront der Hof über dem Tal und weit schweift der Blick über das Land, wenn man auf unseren Gründen zugange war. Obwohl schon so lange her, gab es bereits in frühester Kindheit Ereignisse, die sich in mein Gedächtnis einprägten. 1928 zog der „Dreule“ bei uns ein. Er war Zimmermann und hatte ein Stüberl bei uns. Meistens war er unterwegs, um seiner Arbeit nachzugehen, doch die Wochenenden verbrachte er bei uns. Für seine Unterkunft half er dem Vater, denn ein guter Zimmermann war auf der Wirtschaft immer zu gebrauchen. In meiner Erinnerung taucht der Dreule vor allem deswegen so früh auf, weil er immer am Sonntag von der Kirche ein Sackerl Zuckerln mitbrachte. 1934 ist mir der NS-Juliputsch in Erinnerung geblieben. Am Kirchturm wurde ein Maschinengewehr montiert, das in alle Richtungen schoss. Selbst bei uns durchschlug eine Kugel die Fensterscheibe und blieb in der Wand stecken. Die nächsten Jahre wurden immer schwieriger und als 1938 der Anschluss passierte, war auch der Krieg nicht mehr weit. Unser Dreule wurde eingezogen, da wurde mir richtig bewusst, dass nichts Gutes kommen wird. Der fleißige Zimmermann hatte mittlerweile ein kleines Vermögen zusammengespart, es waren an die 90.000 Reichsmark, und legte sein Sparbuch vertrauensvoll in die Hände meines Vaters. Wohl wissend, dass das Geld nach dem Krieg nicht mehr viel wert sein wird. Vater war damals im Aufsichtsrat der Raiffeisenbank und wollte auf das Geld aufpassen.
Dann ereilte auch mich der Krieg und ich musste 1944 einrücken. In Klagenfurt wurde ich zum MG-Schützen auserkoren und in Kasdorf machten wir die Ausbildung. Dort gehörte auch der Wachdienst zu unseren Aufgaben. Da stand ich also und musste Meldung machen, wenn ein Offizier beim Tor hereinkam. Das tat ich auch, worauf mich ein Leutnant darauf hinwies, dass ich etwas vergessen hatte. „Jäger Brauchart“, sagte er, „Sie haben vergessen zu melden, dass sie unrasiert sind.“ Worauf ich antwortete: „Herr Leutnant, Jäger Brauchart wurde gerade 18 Jahre alt und hat sich sein Lebtag lang noch nicht rasiert.“ Daraufhin lachte er, ich musste ein Rasierzeug ausfassen und entfernte zum ersten Mal jenen Flaum aus meinem Gesicht, der später ein Bart werden sollte. Das war so ziemlich das letzte lustige Ereignis, das ich im Krieg erlebt habe. Wir wurden in den Süden verfrachtet, über Udine kam ich bis nach La Spezia, wo ich mit meinem Maschinengewehr gegen sechs Kriegsschiffe antrat. Die lagen im Golf vor Anker und beschossen mit ihren Batterien die umliegenden Stellungen. Chancenlos mussten wir zurückweichen. Im tiefen Straßengraben ging es bei Nacht dahin.
Gut ist mir auch noch ein Erlebnis mit zwei steirischen Kameraden in Erinnerung geblieben. Wir sollten einzeln marschieren, immer mit fünf Metern Abstand, weil das Gelände vermint war. Die beiden kannten sich von Kindesbeinen an und gingen nebeneinander, bis eine Explosion die beiden trennte. Einer von ihnen war auf eine Mine getreten, beide wurden in die Luft geschleudert und beiden wurde jeweils ein Bein weggerissen. Zu schwer waren sie verletzt und bald darauf taten beide ihre letzten Atemzüge. Ich weiß noch, wie wir sie in ihre Zeltplanen wickelten, ins nächste Dorf trugen und dort dem Totengräber übergaben. Das war der Krieg: schrecklich, unbarmherzig und grausam.
Über den Apennin marschierten wir zurück nach Norden, immer nur nachts, denn tagsüber hätten uns die Flieger beschossen. Südtirol wäre das Ziel gewesen, jedoch in der Nähe von Parma fand unser Marsch ein Ende. Es war der 28. April 1945. Ich zerlegte mein
Maschinengewehr in seine Einzelteile, dafür brauchte ich nur eine gute halbe Minute, und warf die Teile so weit wie möglich weg. Dann begaben wir uns in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Wir waren anfangs auf einem Gut untergebracht. Im Stall waren unsere Liegestätten und ich muss sagen, es war trocken und geschützt, ein Luxus, den wir schon lange nicht mehr gehabt hatten. Wir wurden gut versorgt und die Amerikaner behandelten uns mit sehr viel Respekt. Am 8. Mai war der Krieg endgültig vorbei. Später kamen wir in ein Lager und schliefen in Zelten, aber es war immer trocken und zum Essen gab es genug. Unsere Nahrung wurde in Konservendosen geliefert. Die Feldküche bestand aus vier Feuerstellen mit jeweils vier großen Kesseln. Die Ironie an der Sache war: Wir hatten vor wenigen Wochen keinen Treibstoff mehr für unsere Fahrzeuge, hier wurde mit Benzin gekocht. Ich wurde zum Dosenöffnen eingeteilt und half auch beim Saubermachen der Kessel. Dort lernte ich einen Kärntner kennen, der mich fragte, von wo ich bin. Fern der Heimat macht es nicht viel Sinn, Eibiswald zu erklären, so sagte ich – aus der Gegend von Graz. Das genügte ihm nicht und er fragte weiter. Als ich Eibiswald sagte, fragte er mich, ob ich die Glirsch Resi kenne. Ja, antwortete ich, das ist meine Nachbarstochter und er sagte: „Und meine Frau“. „Ich kenn sie gut“, erwiderte ich. „Und ich muss sie erst kennenlernen“, sagte er. Ich fiel aus allen Wolken und er erzählte, wie es dazu kam. Es war im Krieg ganz normal, dass die jungen Mädchen Briefe an unbekannte Soldaten schrieben. Es sollte den Männern Mut machen, die Heimatverbundenheit stärken und ihnen zeigen, dass jemand an sie denkt. So kam er zum Brief von der Resi und die beiden begannen zu korrespondieren. Anscheinend passte alles, denn auch der Heiratsantrag wurde schriftlich gemacht. Als sie per Feldpost „Ja“ sagte, diente der Kompaniekommandant als Trauzeuge. So kam es zu dieser Fernhochzeit. Von mir hat er jetzt mehr über seine Angetraute erfahren, als er sich erhofft hatte. Erst, als wir gemeinsam entlassen wurden, fuhr er zum ersten Mal zu seiner Gattin und kam wie ich am 24. August 1945 hier in Eibiswald an. Bereits am nächsten Tag hatte ich eine wichtige Mission zu erfüllen. War ich anfangs allein in der Gefangenschaft, so waren wir bis zum Ende zu fünft. Einer meiner Bekannten war Ludwig Poscharnegg aus Saggau. Er war Kraftfahrer und musste im Lager für die Amerikaner Güter transportieren. Bei meiner Entlassung bat er mich, ich möge doch zu seinem Elternhaus fahren, um dort mitzuteilen, dass er noch lebt. Das tat ich auch. Ich betrat die Stube, stellte mich vor und überbrachte seiner Mutter die Grüße. Überglücklich fiel sie mir um den Hals und wir begannen beide zu weinen. Wochen später kam Ludwig heim.
Inzwischen war unser Dreule ebenfalls heimgekehrt und konnte sein Glück gar nicht fassen. Vater nahm damals nämlich sein Geld und kaufte damit eine Wirtschaft, die aus Scheidungsgründen veräußert werden musste. So sorgte er dafür, dass der Dreule jetzt ein eigenes Haus hatte und die Geldentwertung spurlos an ihm vorüberging. Seine Nachkommen leben noch heute in jenem Haus, das der Vater damals für ihn erstand. Die Zeit verging ehe man sich versieht, klopft der 100er an die Tür. Ich bin mal gespannt, was der noch bringen wird.
„Geschichten vom Krieg“ wurden von Karl Oswald in der Region Südweststeiermark gesammelt und sind Teil des Schwerpunkts „Die Südweststeiermark im NS-Regime“ im Zuge des Projekts ArchaeoHist+.