Herr Ertl – Leutschach
In Leutschach schenkte mir Johann Vinzenz Ertl, geboren 1949, eine ganz besondere Erinnerung an die Erlebnisse seines Vaters. Als Angehöriger der ersten Nachkriegsgeneration sieht er es als einen gewissen Auftrag an, die Geschichten seines Vaters zu bewahren und jüngeren Generationen davon zu berichten. Jene Unmenschlichkeit, die so vielen jungen Männern aufgezwungen wurde und die so viel Leid über unsere Heimat gebraucht hat, darf nicht vergessen werden. So ist es ihm eine Herzensangelegenheit, hier von Hans Ertl sen. zu erzählen.
Ein Mann, ein Wort! Selbstsicher und ausgeglichen, so war er, mein Vater Johann Ertl, der „Ertl Hansl“, wie ihn alle liebevoll nannten. Geboren war er in der schweren und entbehrungsreichen Zeit des Ersten Weltkriegs 1915 in Steinbach. Auch die Jahre danach waren nicht einfach, das nur mehr kleine Rest-Österreich wurde schon bald wieder von politischen Wirren heimgesucht. Der Ständestaat unter Dollfuß nahm immer mehr diktatorische Züge an. Nicht sympathisierende Menschen wurden kurzerhand außer Dienst gestellt, das traf Beamte, Lehrer oder Bankangestellte. Die politische Lage eskalierte immer mehr, sodass es zwischen der Heimwehr und dem Schutzbund zu einem verheerenden und sinnlosen Bürgerkrieg kam. In dieser Zeit wurde mein Vater altersbedingt zum damaligen Österreichischen Bundesheer einberufen. Es war das Jahr 1937. Alle diese Umstände, das politische Chaos und die Nachwehen des Krieges, mit Hungersnot und wirtschaftlichem Zusammenbruch, bildeten den Nährboden für den Wunsch nach einem Zusammenschluss mit Deutschland. So gab es kaum Widerstand, als Adolf Hitler, der mit den Nationalsozialisten inzwischen an der Macht war, 1938 in Österreich einmarschierte und am Wiener Heldenplatz stolz den „Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“ verkündete. Das österreichische Heer wurde in die deutsche Wehrmacht eingegliedert und mein Vater musste die überaus harte Grundausbildung über sich ergehen lassen. Zuerst in Radkersburg, dann in Admont. Dazu erzählte er später immer: „Wir waren mehr am Boden, als dass wir gestanden sind“.
Aufgrund seiner Fähigkeiten wurde mein Vater während seines Einsatzes in Norwegen für einige Zeit zum Küchendienst abgestellt, wo er schon bald als Küchenchef agieren konnte. Das tat er vor allem im Offizierscasino und für ihn war das einer der wenigen Lichtblicke während des Krieges. Hier sorgte er für das leibliche Wohl der Offiziere. Immer wieder gab es mitten in der Nacht „Alarm“ und mein Vater musste aufstehen, um mit den Offizieren Karten zu spielen. Das Jahr 1943 war für ihn von Schicksalsschlägen gekennzeichnet. Meine Mutter erlitt eine Totgeburt. Nicht nur meine Schwester, ich habe sie später Anna-Maria genannt, verstarb, auch mein Großvater Vinzenz Ehmann hat seine Augen für immer geschlossen. Das veranlasste den Vater dazu, seinen Urlaubsschein zu fälschen. Durch Radieren und Ausbessern verlängerte er eigenmächtig seinen Urlaub um zehn Tage. Bei seiner Rückkehr zum Einsatzort flog der Schwindel jedoch im vollbesetzten Zug und bei schlechten Lichtverhältnissen auf. Vaters Beteuerungen, er habe schließlich zwei Familienmitglieder verloren, wurden zwar zur Kenntnis genommen, aber er wurde dennoch bestraft. Man versetzte ihn an die vorderste Front. Dabei hatte er noch Glück, denn dieses Vergehen wurde üblicherweise mit der Todesstrafe geahndet. An der Front war er zuerst beim Polenfeldzug, dann in Norwegen und schließlich in Russland. Hier kam er von Murmansk weiter nach Leningrad und später in die Umgebung von Stalingrad. Nach wie vor kümmerte sich mein Vater um die Feldküche. Diese Einrichtungen galten aber oft als Angriffspunkte feindlicher Attacken und waren somit durchaus gefährlich. Wann immer er Heimaturlaub bekam, kehrte er mit einem Rucksack voller Kräuter zurück zu seinem Einsatzort. „Ohne die richtigen Kräuter gibt’s kein gutes Essen“, war seine Devise.
Zu Kriegsende versuchte er, so wie viele andere, über Rumänien und Tschechien in die Heimat zu gelangen. In Deutschbrod, dem heutigen Havlíčkův Brod, war seine Flucht zu Ende. Er wurde mit seinen Kameraden von tschechischen Partisanen, unter denen waren hauptsächlich Frauen, aufgehalten und zum Übernachten überredet. Sie waren äußerst zuvorkommend und doch bestimmt. Mit List gelang es ihnen, Vaters Gruppe bis zum Eintreffen der nachstoßenden Roten Armee aufzuhalten. Sie gerieten sogleich in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Allen wurden sofort die Haare abgeschnitten und sie mussten sämtlichen Schmuck und alle Wertgegenstände abgeben. Vater erzählte, dass er noch rasch seinen Ehering in die Erde drückte, denn dieser sollte nicht in die Hände der Russen fallen. Nun folgte ein endlos scheinender Transport zu einem Gefangenenlager in Sibirien. Dort hing Vaters Leben gleich dreimal an einem seidenen Faden. Sie wurden zur Eisgewinnung eingeteilt. Mächtige Blöcke wurden aus dem Fluss herausgesägt und dienten zur Kühlung von Lebensmitteln. Dabei stürzte er in die eisigen Fluten und nur dem beherzten Eingreifen seines Freundes, eines Herrn Safran aus Nassau bei Groß Sankt Florian, ist es zu verdanken, dass er überlebte. Der erwischte ihn gerade noch bei der Hand und konnte ihn so aus dem Fluss ziehen, ehe die Strömung ihn wegschwemmte. Zur zweiten dramatischen Situation kam es im Wald. Bei Holzschlägerungsarbeiten, total geschwächt von den übermenschlichen Anstrengungen, den eisigen Temperaturen und der Unterernährung, ist er unbemerkt von seinen Kameraden und dem Wachpersonal im Wald liegen geblieben. Ein russischer Bauer fand ihn dort und brachte ihn halberfroren zu sich nach Hause. Über einem Bauernherd, das waren die dort üblichen Öfen mit darüber liegender Schlafgelegenheit, konnte er sich wieder erholen und ordentlich schlafen. Am nächsten Morgen standen zwei junge sowjetische Soldaten vor ihm und trieben ihn mit Gewehrkolbenschlägen zurück zum Lager. Ein drittes Mal war er dem Tode nahe, als er an Typhus erkrankte. Man hatte ihn bereits mit anderen in eine Kammer zum Sterben gelegt, doch wie durch ein Wunder überlebte er auch diese Krise.
Essen war immer Mangelware. Um bessere Rationen zu bekommen, konnten sich Kriegsgefangene „freiwillig“ melden. Deren Aufgabe bestand in der Exhumierung von ermordeten Juden. Angesichts der furchtbaren und ergreifenden Anblicke der vielen toten Männer, Frauen und Kinder blieb dem Vater fast das Herz stehen. Er verzichtete lieber auf eine größere Essensration und lehnte eine weitere Mithilfe bei dieser furchtbaren Arbeit ab. Die äußerst bescheidenen Mahlzeiten, die es im Lager gab, richteten sich nach den Jahreszeiten. Im Winter gab es vorwiegend Kleiesuppe. Im Frühjahr folgten vier Monate lang Brennnesselsuppe und in den restlichen vier Monaten musste man mit einer Krautsuppe das Auslangen finden. Zu jeder Suppe gab es ein paar Bissen Brot dazu. Not macht bescheiden und so erzählte der Vater später immer wieder, dass ihm die Kleiesuppe am besten schmeckte. Nachrichten nach Hause gab es nur sehr selten und auch hier war es sein Freund Safran, der ihm das Seinige mit den Worten schenkte: „Du kannst das Papier besser brauchen, du bist verheiratet und hast Familie“.
Nach über zwei Jahren war die schreckliche Kriegsgefangenschaft in Russland zu Ende. Am 7. Dezember 1947 kam er mit vielen anderen am Grazer Hauptbahnhof an. Es war der Tag zwischen Nikolaus und Mariä Empfängnis. Die Wiedersehensfreude war riesengroß. „Unser Hansl is wieder dahoam!“ Nicht alle, die am Bahnhof waren, konnten sich freuen. Viele warteten vergebens und wahre Tragödien spielten sich ab. Oft erzählte der Vater von dieser furchtbaren Zeit. Immer betonte er dabei: „Auch wenn mir die besten Jugendjahre gestohlen wurden, so danke ich dem Herrgott für die glückliche Heimkehr“. Vater war fest im Glauben verankert, auch hierzu hatte er ein Erlebnis in weiter Ferne. Irgendwo in Russland hat er ein Lourdes-Bild von der Gottesmutter gefunden. Dieses Bild hat ihn bis zu seiner Heimkehr begleitet und er war der festen Überzeugung, dass es ihn beschützt hat.
Ermittlungen nach dem Krieg ergaben, dass es insgesamt 2.125 Standorte für Kriegsgefangene in Russland gegeben hat. Viele von den 3,150.000 Gefangenen haben diese schlimme Zeit nicht überlebt. Viele wurden oft auf Anordnung von Politkommissaren oder Offizieren sofort erschossen. Nur 2,055.750 sind wieder heimgekehrt und Gott sei Dank war mein Vater einer von ihnen. Trotz allem hatte er auch schöne, wehmütige Erinnerungen an diese Zeit. So schwärmte Vater immer wieder von der wunderbaren Landschaft um Admont, wo er seine Ausbildung vollendete, und von der einmaligen Bergwelt. Auch Norwegen behielt er in guter Erinnerung; das Land, die Berge und die Fjorde. Vor allem schwärmte er aber immer von den ehrlichen Menschen im Norden. „Da kannst deine Uhr beim Baden ruhig liegen lassen, die nimmt keiner mit“, betonte er stets. Die einfachen russischen Bauern schätzte er ebenfalls als naturverbundene und herzliche Menschen. Bis zu seinem Lebensende, im Jahr 1975, erzählte er seine Erlebnisse aus vergangener Zeit und immer wieder betonte er, wie wichtig es ist, diese Erinnerungen zu bewahren. Einerseits, um in der Gegenwart dankbar für das Gegebene zu sein, und andererseits, um in der Zukunft die Werte von Frieden und Freiheit hochzuhalten.
„Geschichten vom Krieg“ wurden von Karl Oswald in der Region Südweststeiermark gesammelt und sind Teil des Schwerpunkts „Die Südweststeiermark im NS-Regime“ im Zuge des Projekts ArchaeoHist+.