Herr Gaube – Greith
Am Georgiberg, nicht weit weg von der Georgikirche, erblickte Frau Aloisia Gaube 1929 das Licht der Welt. Auf der Wirtschaft vulgo „Weichslhansl“ ist sie aufgewachsen und sie erinnert sich an jene schweren Zeiten, die der Krieg mit sich brachte. Voll Hochachtung denkt sie an ihren Vater zurück und weiß von vielen Sorgen und Nöten zu erzählen.
Wir lebten am Heimathof meiner Mutter Chriszenzia, der Vater, Ernst Gaube, hat hierher geheiratet und gemeinsam erwirtschafteten sie am Hof, was wir zum Leben brauchten. Ich bin das älteste von vier Kindern und unsere heile Welt wurde mit dem Anbruch des Krieges zerstört. Anfangs hörten wir nur davon, direkt traf es uns, als der Vater 1941 einrücken musste. Meine zweite Schwester kam in jenem Jahr zur Welt, ich war bereits 12 Jahre alt und eine weitere Schwester war sieben. Mit Unterstützung der Großmutter versuchten wir so gut wie möglich über die Runden zu kommen. Meine Schulzeit verbrachte ich mehr im Luftschutzkeller und versteckt im Wald als in der Klasse. Richtig schlimm wurde es aber gegen Kriegsende. Aller Herren Völker zogen durch und nahmen sich, was sie brauchten. Ständig lebten wir in Sorge, dass uns wohl noch genug bleibt und mehr als einmal fürchteten wir um unser Leben. Das Schlimmste aber war, seit Jänner 1945 hatten wir nichts mehr vom Vater gehört. Keiner wusste, wo er war, wie es ihm geht oder ob er gefangen oder gar getötet worden ist. Ständig lebten wir in Ungewissheit, machten uns Sorgen und mussten tagtäglich schauen, wie wir mit Bulgaren, Russen und Partisanen zurechtkamen.
Die Speisekammer wurde geplündert, der Keller leergetrunken und was sie nicht saufen konnten, zerstörten sie. Unsere schönen alten Fässer waren leckgeschlagen und der ganze Stampfboden im Keller war mit Most überflutet. Unsere Rinder wurden einfach aus dem Stall getrieben und sich selbst überlassen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie der ganze Berg mit hunderten von Kühen übersät war. Es wurde einfach geschossen, was gebraucht wurde. Und gebraucht wurde viel, waren doch massenhaft Soldaten in unserer Gegend. Es war schrecklich. Mehr als einmal wurde ich mit der Waffe bedroht und immer wieder hieß es, wenn wir nicht gehorchen, werden wir alle „kaputt gemacht“. Ich war damals 15 Jahre alt und bereits eine junge Frau, meine beiden Schwestern waren noch klein und so drohte ihnen weniger Gefahr. Ein Besatzer sorgte seinerzeit mit seinem Säbel für Angst und Schrecken und weil ich mir nicht mehr anders zu helfen wusste, rannte ich zu einer Nachbarin, um mich dort zu verstecken. Jedes Geräusch, jeder Schatten lösten in mir Panik aus. Die Mutter wusste, wo ich war, ging beim Haus vorbei und rief beim Fenster hinein, ich solle ja nicht nach Hause kommen, er sucht mich überall. Am nächsten Tag schlich ich mich talwärts zu einem anderen Bauern. Dort fanden bereits etliche Nachbarsdirndln Unterschlupf und auch fünf Franzosen waren da. Es waren Kriegsgefangene, die sich auf dem Heimweg befanden und hier Essen und ein Nachtlager fanden. Auch hier tauchte bald ein Soldat auf, der mit seinem Gewehr darauf bestand, dass er jetzt eine Frau will. Zitternd und zähneklappernd lagen wir zu fünft unter dem Holzbett der Bauern. Die Köpfe waren geschützt, aber unsere Beine standen rundherum heraus. Alles junge Mädchen und es dauerte nicht lange, bis uns der Soldat entdeckte. Immer lauter wurde seine Forderung, immer heftiger sein Geschrei und bald legte er an, um uns eine nach der anderen zu erschießen.
Da platzte den Männern am Hof aber der Kragen. Ohne viele Worte waren sie da, entwaffneten ihn und banden ihm mit einem „Kaiblstrick“ die Hände zusammen. Doch es waren halt Bauern und der Soldat war kampferprobt. Er schaffte es, sich loszureißen, trat die Tür auf und lief mit gefesselten Händen davon. Zwar waren wir Mädchen gerettet, doch jetzt schwebten wir alle in Lebensgefahr. Im Pristergraben war eine ganze Kompanie Bulgaren stationiert, dort gehörte er dazu und wir alle wussten, dass wir mit dieser Aktion unser Leben verwirkt hatten. Es war bereits Abend, alles wurde liegen und stehen gelassen und die Bauersleut mit Knechten und Mägden, die Franzosen und wir Dirndln schlichen durch den Wald weiter talwärts, um dort auf einem Hof zu bleiben. Eine angstvolle Nacht lag vor uns und wir wussten, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis wir gefunden wurden. Was wir allerdings nicht wussten war, dass in dieser Nacht ein Machtwechsel geplant war. Die Bulgaren mussten bis Mitternacht weg sein und die Titopartisanen übernahmen das Kommando. Das rettete uns das Leben: Die einen hatten keine Zeit für Vergeltung und die anderen wussten von nichts. Das alles erfuhren wir am nächsten Vormittag. Erleichtert konnte jeder von uns wieder heimkehren.
Im Lauf der Zeit wurde es ein wenig ruhiger und die ständige Angst vor den Soldaten wurde beinahe zur Gewohnheit. Alles, was nicht niet und nagelfest war, wurde bereits gestohlen und zum Essen gab es auch nichts Großartiges mehr, also wovor fürchten, wenn nichts mehr zu holen ist. Einzig das Bild der vielen Kühe, die frei herumliefen, ist mir in guter Erinnerung geblieben. Immer mehr Tiere wurden einfach abgeschossen oder verendeten, weil sie im Teich steckenblieben, es war schrecklich. Einzig die Sorge um den Vater wurde immer größer. Abend für Abend beteten wir mit der Mutter und der Großmutter für sein Wohl und Tag für Tag machten wir uns Sorgen darum, dass nicht eine schlechte Nachricht unsere Hoffnungen zerstört. Oft glaubten wir, dass uns das Glück komplett verlassen hatte, doch es war die Großmutter, die zum Durchhalten mahnte, denn dann, so sagte sie, wird es schon wieder einkehren. Im September 1945 kam die Erlösung. Wir saßen alle um den Tisch in der Stube, als plötzlich die Tür aufging und der Vater vor uns stand. Die anfängliche Überraschung wurde bald durch überschwängliche Freude abgelöst. Wir umarmten ihn, nur die jüngste Schwester sah ihn dort zum ersten Mal und er erzählte, dass er die letzten Monate bei einem Bauern in Oberösterreich verbrachte und darauf wartete, endlich heimkehren zu können. Der Vater ist da und ich wusste, jetzt wird alles wieder gut.
„Geschichten vom Krieg“ wurden von Karl Oswald in der Region Südweststeiermark gesammelt und sind Teil des Schwerpunkts „Die Südweststeiermark im NS-Regime“ im Zuge des Projekts ArchaeoHist+.